Milch und Wald und Alm und Wirtschaft

22.10.2019

„Wenn wandern so ganz nebenbei geht.“ Emil erzählt.

„Aber natürlich kommt man da auch jetzt im Spätherbst noch gut hin, es ist ja gerade mal Oktober und die Sonne lacht wie nie!“ Die Frau an der Rezeption lacht ebenfalls und erklärt, dass man hier in Meransen, denn so nennt sich der Ort wo die Mama und ich gerade Urlaub machen, manchmal sogar bis in den November hinein richtig schön bergsteigen kann und … ja, selbst dann im Winter noch, wenn es schneit. Wobei ich da schon lieber mit der Rodel einen Hang hinab sause, als zu Fuß durch den Schnee zu stapfen, und das antworte ich der Frau an der Rezeption dann auch. „Aber wandern kann ich schon sehr gut!“, sage ich zur Sicherheit, nicht dass die Frau noch meint, ich sei am Ende gar kein wirklicher Bergsteiger. „Die Mama und ich, wir haben schon viele Tausende Höhenmeter bewältigt, also so insgesamt jetzt gemeint – und ich stand sogar schon zweimal an einem Gipfelkreuz!“

Der Weg darf halt nicht fad sein, sagt die Mama. „Damit der Emil bei Laune bleibt.“ Sie und die Frau an der Rezeption zwinkern sich zu, so als hätten sie sich diesbezüglich abgesprochen, und schon schwingt sie sich den Rucksack auf den Rücken. Wir fahren im Auto ein paar Minuten, aber recht viele Kurven, bis zu einem Parkplatz. Dort befindet sich ein riesiges Schild mit einer Wanderkarte. Wir prüfen, wo wir uns befinden, welchen Weg wir entlang gehen müssen und ich lese, wie die hohen Berge um uns rum so heißen. Die haben seltsame Namen.

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Wir spazieren kurz eine Straße entlang bis zu einer schönen Hütte, wo die Mama sich noch einen Kaffee genehmigt, damit sie auch ganz wach wird, sagt sie. Ich weiß nicht, wie man um die Zeit noch müde sein kann. Ich bin schließlich schon seit Stunden munter. Sie nicht, sagt sie.

„Es hat nachts geregnet“, meint sie und erklärt, dass jetzt, wo die Sonne aufgeht, deswegen der Boden so dampft. Überall um uns steigt Rauch aus den Wiesen. Aber … nun, es könnten auch die Nebelgeister sein, die da aus dem Wäldchen kommen, um die Morgensonne zu begrüßen. Das tun wir jetzt auch. Winken ein bisschen in den Himmel. Und schon biegen wir über eine Brücke schreitend links in den Wald hinein. Eine alte Holztür steht da mitten im Weg und zeigt an, dass der Milchweg hier beginnt. Es soll da verschiedene Stationen geben, sagt die Mama. Ich schreite durch die Tür.

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Die Mama und ich, wir singen ein paar Lieder und hopsen den gar nicht steilen Weg entlang. Soeben sind wir an einer riesigen aus Holz geschnitzten Kuh vorbeigekommen, auf die ich mich sogar draufsetzen durfte. Und da vorne wartet ein Fernrohr auf mich – mit dem kann man im Wald ein verloren gegangenes Kälbchen wiederfinden! Ich bin heute besonders schnell unterwegs, die Mama hat offensichtlich Mühe mir nachzukommen. Aber sie macht halt auch dauernd Fotos! Weil sie sich so freut, sagt sie. Naja, das kann ich eh verstehen. Es ist schon recht schön, rundum. Hinter den Baumwipfeln, die noch gar nicht so herbstlich sind, ragen die Gipfel in den Himmel. Ob wir da rauf müssen?

Wir bauen ein Stoanernes Mandl, wir läuten an lustigen Ziegenglocken, so laut wir nur können. Und dann geht es auch mal steil hinauf. Beim Aufwärtsgehen kann man nicht singen. Ein bisschen knurrt mir der Magen, und Mami verspricht mir Knödel. Wenn wir wandern, dann gibt’s die immer mittags. Oder Kaiserschmarrn, den mag ich auch. Und während ich so überlege, was von beidem wir uns wohl bestellen könnten, entdecke ich einen Wegweiser, auf dem steht: „Fane-Alm 10 Minuten“. Das können wir jetzt beide kaum glauben, dass wir jetzt schon über eine Stunde gewandert sind! Dabei haben wir ja überall auch ein bisschen gespielt und Pausen gemacht, das heißt, wir waren im Grunde schon sehr flott unterwegs. Noch einmal an einem Parkplatz vorüber und um eine Kurve – da entdecke ich auch schon die vielen kleinen Almhütten in der Ferne. Und – bild ich mir’s ein? – da liegt doch eindeutig Schmarrnduft in der Luft!

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Im letzten Moment entscheide ich mich dann doch für die Speckknödel in der Suppe. Und während wir warten, darf die Mama wieder mal eine Runde „Maumau“ mit mir spielen. Das hab’ ich letztes Jahr im Urlaub hier gelernt und ich hab’ ein ganzes Jahr lang geübt. Einmal lasse ich die Mama aber doch gewinnen. „Damit die Mama bei Laune bleibt.“



Anmerkung:
Ausgangspunkt der Wanderung ist der große, gebührenfreie Parkplatz „Berg am Boden“, im Talboden am nördlichen Ende von Vals (1.396 m)
fernrohr
                 
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